Ein besonderer Besuch

May 11 2018

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Vor mehr als 80 Jahren musste Hans Bär Wohnbach verlassen. Hans Bär ist Jude und fürchtete damals um sein Leben. Er flüchtete nach Argentinien und lebte seit dieser Zeit dort. Nun kam er zurück in die Wetterau und besuchte auch unsere Gemeinde. Als ich von dem Besuch und von dem offiziellen Empfang in Wohnbach erfuhr, freute ich mich sehr. Noch mehr freute ich mich, als mir gesagt wurde, dass ich eine Rede für Herrn Bär halten darf. Diese Rede finden Sie hier:

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Wohnbacherinnen  und Wohnbacher,
aber natürlich ganz besonders, lieber Herr Bär!!!
Ich heiße Sie alle recht herzlich hier in der TSH Wohnbach willkommen.
Als ich vor einigen Wochen erfuhr, dass ich heute eine Rede vor Ihnen halten darf, habe ich mich sehr gefreut, da ich es als eine besondere Ehre ansehe, zu Ihnen sprechen zu dürfen.
Lieber Herr Bär, es freut mich, dass Sie nach vielen Jahrzehnten noch einmal den Weg zurück nach Wohnbach gefunden haben und begrüße Sie ganz offiziell als Bürgermeister der Gemeinde Wölfersheim.
Ich habe großen Respekt davor, dass Sie den weiten Weg von Argentinien bis hier in die Wetterau auf sich genommen haben, um noch einmal den Ort zu sehen, den Sie vor vielen Jahren nicht freiwillig verlassen haben.
Ich bin froh darüber, dass Sie hier sind!
Besonders freut es mich, dass Sie im Laufe der nächsten Tage vor Schülerinnen und Schülern der Singbergschule treten werden und Ihre Erfahrungen aus der Vergangenheit an Sie weiter geben werden. Junge Menschen in Deutschland haben aufgrund der fortgeschrittenen Zeit oft nicht mehr die Möglichkeit direkt mit Ihren Großeltern über den zweiten Weltkrieg zu reden. Ich konnte mich noch mit meinem Großvater persönlich austauschen und dieser Austausch war aufschlussreicher als jede Stunde im Geschichtsunterricht. Die Übermittlung eigener Erlebnisse kann kein noch so gutes Geschichtsbuch vermitteln. Ich bin mir sicher, dass Schüler der Singbergschule sehr von Ihren Erzählungen profitieren werden.
Jeder Deutsche Bürger, meine Damen und Herren, hat in meinen Augen dafür Verantwortung zu tragen, dass das, was Ihnen Herr Bär und Millionen andere Juden in Deutschland widerfahren ist, nicht noch einmal passiert.
Das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte darf sich nicht wiederholen! Wir alle tragen die Verantwortung dafür, daran zu erinnern, was in Zeiten des dritten Reiches passiert ist. Es gilt diese Erinnerung aufrecht zu erhalten und mit allem was in unserer Kraft steht, dafür zu arbeiten, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.
Ich möchte an dieser Stelle auch meine klare Abneigung gegenüber allen Parteien in Deutschland zum Ausdruck bringen, die auf primitive Art und Weise gerade versuchen Angst und Vorurteile gegenüber Fremden zu schüren. Alternativen für unser Land schafft man nicht durch Angst und Hetze, sondern durch Aufklärung, Offenheit und Respekt gegenüber allen Menschen in diesem Land, egal welchen Glauben sie haben oder aus welchem Land sie kommen.
Sehr geehrter Herr Bär,
danke für Ihren Besuch in unserer Gemeinde und vor allem danke für die Offenheit, die Sie uns gegenüber haben. Diese Offenheit ist keine Selbstverständlichkeit.
Ein großes Dankeschön auch an die Organisatoren des heutigen Tages rund um Herrn Harmert. Es erfüllt mich mit großer Freude Bürgermeister einer Gemeinde sein zu dürfen, die weltoffen, bunt und voller Respekt ist und in der es keinen Platz für Antisemitismus und Rassismus jeglicher Art gibt.
Herr Bär ich wünsche Ihnen einen schönen Nachmittag in Wohnbach und einen guten Aufenthalt in Deutschland.
Danke und wie man in Wölfersheim sagt
Glück auf!
 

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