Ein lesenswertes Interview

May 02 2020

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Der 1. Mai ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern der Welt ein Feiertag. Viele verbinden ihn heute wohl hauptsächlich mit den geselligen Maifeierlichkeiten, doch er ging auf teils blutige Auseinandersetzungen zurück, in deren Fokus die Rechte von Arbeitern standen. In diesem Jahr kann der Feiertag nicht wie üblich mit Kundgebungen der Gewerkschaften und ausgelassenen Feiern begangen werden. Wir haben dies zum Anlass genommen und uns mit dem langjährigen Gewerkschafter und Handwerker Karl Otto Waas, der die Situation von Arbeitnehmern gerade von kleinen Unternehmen sehr gut einschätzen kann, Alexander Repp als Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens, der gut vernetzt ist und einen hervorragenden Überblick über die Handwerksbetriebe der Region hat, und Bürgermeister Herbert Unger, der als dienstältester Bürgermeister der Wetterau nicht die erste schwierige Situation in unseren Kommunen erlebt.

Herr Unger, welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf Ihre Kommune?
Unger:
Die Auswirkungen sind immens. Besonders die per Landesverordnung geschlossenen Kitas und die damit verbundenen Einnahmeausfälle belasten Kinder, Eltern und Stadt gleichermaßen. Auch der eingeführte Schichtdienst zur Sicherung unserer Arbeitsfähigkeit durch die Vermeidung einer möglichen Quarantäne für alle greift tief in die gewohnten Lebensumstände und –gewohnheiten unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein; ebenso wie es für viele als Zumutung empfunden wird, dass alle öffentlichen Einrichtungen und Sportanlagen geschlossen sind.
Aber letztendlich hätten wir ohne diese weitgreifenden Entscheidungen diese Pandemie nicht so schnell in den Griff bekommen. Was jetzt noch abzuwarten ist, sind die Einnahmeausfälle bei den Lohn- und Einkommensteueranteilen durch Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit sowie im Bereich der Gewerbesteuern. Das kann für viele Kommunen dramatische Folgen nach sich ziehen.

Herr Repp, welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf Ihr Unternehmen?
Repp: In der ersten Woche nach dem Lockdown war es insgesamt sehr ruhig; allerdings war unser Vor-Corona-Auftragsbuch noch sehr gut gefüllt. Kurz danach kamen aber schon wieder neue Anfragen und auch Aufträge. Ich gehe davon aus, dass wir auch dadurch profitieren, da die meisten der angefragten Arbeiten im Außenbereich oder auf Rohbaustellen stattfinden. Zusätzlich haben das gute Wetter und das Homeoffice dazu beigetragen, dass man sich draußen genauer umgesehen hat und Ideen für die Erneuerung von Zäunen, die Anschaffung von Markisen und dergleichen bekommen hat. Da bei uns der Einsatz von Plexiglastrennwänden im Bereich des Schweißens und Schleifens nicht sinnvoll ist, mussten wir natürlich einige Umstrukturierungsmaßnahmen treffen, damit die Regeln einhaltbar sind. Auch wurden Kundentermine auf ein Minimum reduziert; viele Fragen sind via E-Mail und Bildmaterial lösbar. Insgesamt haben wir durch diese Krise einiges gelernt und uns auch weiterentwickelt.

Und wie gehen Ihre Mitarbeiter/Kollegen mit der Situation um?
Repp: Diese Frage ist nicht pauschal zu beantworten. Einige sagen, dass alles vollkommen überzogen ist, andere haben mehr Ängste aber alle halten sich an die Vorgaben. Natürlich entstehen mittlerweile Existenzängste, Angst um den Arbeitsplatz und Verunsicherung bezüglich der Gesamtsituation, da es in ihrem Bekannten- und Freundeskreis wohl einige Probleme gibt. Wenn uns Mitarbeiter dazu befragen, können wir aber alle beruhigen. Bei uns muss kein Mitarbeiter gehen.

Herr Waas, wie schaut es in dem Unternehmen aus, in dem Sie beschäftigt sind? Wurde auf Kurzarbeit umgestellt oder kennen Sie ein Unternehmen in der Wetterau bei dem das der Fall ist?
Waas:
Wir in einem kleinen Familienbetrieb arbeiten nach wie vor weiter, fast wie bisher, unter Berücksichtigung der aktuellen Abstands- und Hygieneregeln, über die wir dementsprechend vom Arbeitgeber aufgeklärt wurden. Hier gehört auch dazu, Fahrten zu den Baustellen so zu organisieren, dass der gebotene Abstand und auch eine Maskenpflicht eingehalten wird. Der Vorteil in einem Unternehmen wie dem unseren, einem Zimmereibetrieb, ist der eher mäßige Kundenkontakt. Kurzarbeit musste in unserem Betrieb bisher nicht angeordnet werden. Jedoch habe ich schon von Betrieben gehört, bei denen die Auftragslage durch Stornierungen zurückgegangen ist, dies betrifft unter anderem Gerüstbaubetriebe. Hier besteht wohl die Unsicherheit auf Seiten der Bauherren, ob sich in der jetzigen Situation Arbeiten ohne gesundheitliche Gefährdung durchführen lassen. Auch in Anbetracht der finanziellen Lagen werden sich viele Auftraggeber überlegen, ob sie sich dies zurzeit leisten können.

Herr Repp, kennen Sie Unternehmen in der Wetterau bei denen Kurzarbeit der Fall ist?                         
Repp:
Durch meine Ehrenamts-Tätigkeiten als Obermeister und Landesinnungsmeister weiß ich, dass es sehr viele Betriebe gibt, die Kurzarbeit durchführen müssen, weil deren Auftraggeber von der Pandemie betroffene Unternehmen sind. Pauschale Aussagen kann man auch hier kaum treffen, da es im Handwerk Betriebe gibt, die durch die Krise profitieren, genauso bleibt es bei einigen gleich, aber es gibt auch Betriebe, die massive Probleme haben. Je nachdem, ob man vermehrt für die Autoindustrie arbeitet oder andere große betroffene Firmen, gibt es – wie leider fast immer – Gewinner und Verlierer der Situation.

Wie ist die Situation in den Städten und Gemeinden? Wie gehen die Mitarbeiter damit um, und gibt es so etwas wie Kurzarbeit in der öffentlichen Verwaltung?
Unger:
Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehen mit dieser veränderten Situation professionell und souverän um. Wo es ging, wurden zunächst Überstunden und Alt-Urlaubstage abgebaut. Wer die beruflichen und technischen Möglichkeiten hat, nutzt die Heimarbeitstage im Home-Office oder ist zumindest auf Abruf. In den Kitas haben wir teilweise Renovierungs- und Grundreinigungsarbeiten durchgeführt und in anderen Räumen derweil die Notbetreuung aufrechterhalten. Insgesamt bin ich sehr stolz darauf, wie unser Team in der Verwaltung, dem Bauhof, den Kitas und der Jugendpflege diese Krise bisher gemeistert hat. Bisher war es in der kommunalen Kernverwaltung nicht möglich, Kurzarbeit anzumelden. Darunter fielen auch die Kitas und Bauhöfe, sofern diese nicht als Eigenbetriebe geführt werden. Nach den jüngsten Tarifänderungen zur Corona-Pandemie lasse ich nun aber dieses Thema neu bewerten, weil es jetzt unter Umständen möglich ist, z.B. für nicht ausgelastete Kitas Kurzarbeit anzumelden.

Herr Repp, haben Sie schon mitbekommen, dass Unternehmen Insolvenz aufgrund der Pandemie anmelden mussten?
Repp:
Laut Informationen aus der Kreishandwerkerschaft und des Fachverbands Metall Hessen ist zum Glück noch keine Insolvenz durch die Pandemie bekannt.
Herr Unger, Sie kennen als Bürgermeister viele Unternehmen. Sind Ihnen Insolvenzen bekannt?
Unger: In unserem Stadtgebiet ist mir aktuell noch kein Insolvenzfall bekannt, der durch die Corona-Pandemie ausgelöst worden wäre. Ich befürchte aber, dass es auch bei uns Betriebe und Unternehmen geben wird, die nicht unbeschadet aus dieser Krise herauskommen werden.

Und wie schätzen Sie die langfristigen Auswirkungen ein?
Unger:
Das ist schwer zu sagen. Unsere Wirtschaft – und das schließt natürlich das lokale Gewerbe mit ein – wird sich von dieser Corona-bedingten Talfahrt nur allmählich wieder erholen. Damit verbundene Umsatz-, Gewinn- und Steuereinbrüche werden noch Jahre lang nachwirken. Ich hoffe allerdings, dass die vielen Kurzarbeiter ebenso schnell wieder in Lohn und Brot kommen, wie die vielen zusätzlichen Arbeitslosen. Ebenso wünsche ich mir, dass die positiven Erkenntnisse der Krise wie Entschleunigung, Achtsamkeit, Solidarität, Hilfsbereitschaft und ein gesteigertes Hygienebedürfnis noch sehr lange nachwirken und die Menschen an diese schwere aber auch besondere Zeit erinnern werden.

Wie schätzen Sie das ein Herr Repp?
Repp:
Leider kann diese Frage zurzeit wohl niemand beantworten. Es hängt alles davon ab, ob und wie schnell ein Medikament oder ein Impfstoff gefunden wird. Solange dies nicht der Fall ist, werden wir mit Corona so gut es geht leben müssen. Die Lockerungsmaßnahmen werden die Wirtschaft auch wiederbeleben und somit auch die Handwerker. Bleibt zu hoffen, dass es dadurch keine Rückschläge geben wird. Ich würde mich sehr freuen, wenn alle von Lockerungen profitieren könnten. Je nach Gewerk ist es eigentlich überall möglich, geeignete Schutzmaßnahmen zu treffen.

Wie sehen Sie die Situation aus Arbeitnehmersicht?
Waas:
Man muss damit rechnen, dass während der Krise einige Betriebe Hilfe benötigen, um weiter existieren zu können, doch man muss auch erkennen, dass die Baubranche in den letzten Jahren sehr gute Gewinne eingefahren hat und die Auftragsbücher gefüllt sind. Aber anscheinend haben einige Betriebe nicht genügend vorgesorgt und ausreichend Rücklagen gebildet, um so einen Lockdown unbeschadet zu überstehen. Auch Arbeitnehmer müssen in ihrer Haushaltskasse etwas zurücklegen, um nicht vorhersehbare Kosten auffangen zu können. Ich finde es richtig, dass das Land und auch der Bund kurzfristig Hilfen zugesagt haben, denn es gibt viele Firmen beziehungsweise Unternehmen, die diese Pandemie nicht unbeschadet überstehen werden. Viele mussten ihre Geschäfte schließen und konnten auch ihr Personal nicht mehr beschäftigen. Hier sind Hilfen für beide Seiten unumgänglich, für Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

Herr Repp, wie beurteilen Sie die Hilfen von Bund und Land? Kommen sie an?
Repp:
Grundsätzlich muss man es begrüßen, dass Bund und Länder helfen wollen. Die Umsetzung ist allerdings sehr unterschiedlich und wie ich gehört habe, manchmal unzureichend. Dass verschiedene Voraussetzungen erfüllt werden müssen, ist nachvollziehbar, nicht zuletzt, da es schon verschiedene Betrugsfälle bzw. -versuche gab. Allerdings sind einige Anforderungen für manche Unternehmen schlicht nicht umzusetzen. Ich habe von verschiedenen unterschiedlichen Problemen gehört, beispielsweise haben einige Krankenkassen kaum zu überwindende bürokratische Hindernisse errichtet. Allerdings haben auch andere Krankenkassen überhaupt keine Probleme damit und waren sehr entgegenkommend.

Herr Unger, wie finden Sie diese Maßnahmen?
Unger:
Die Hilfsmaßnahmen von Bund und Land für Unternehmen, Einzelbetriebe, Künstler, Gastronomen usw., die jetzt über massive Umsatzverluste – bis hin zu Totalausfällen – zu klagen haben, finde ich gut, richtig und wichtig und einer wohlhabenden Nation wie der unseren angemessen. Ich kenne selbst einige Unternehmer persönlich, welche die Soforthilfe beantragt und auch schnell und unbürokratisch bewilligt bekamen. Ich wünsche mir allerdings auch eine Krisenhilfe für die Kommunen, um die zu erwartenden Steuerausfälle wenigstens halbwegs zu kompensieren. Ganz besonders erwartungsvoll bin ich hinsichtlich der ausfallenden Elternbeiträge bei den Kita-Gebühren. Da wir die Kitas aufgrund einer Landesverordnung und nicht aus Jux und Dollerei geschlossen haben, sehe ich das Land auch ganz klar in der Verantwortung, diese ausgefallenen Einnahmen auf Euro und Cent zu erstatten.

Können Unternehmen auch etwas Positives aus der Krise mitnehmen Herr Repp?
Repp:
Wichtig ist, nicht alles zu pauschalieren. Man muss lernen, genauer hinzuschauen und die einzelnen Fälle sorgsam zu sichten. In jedem Fall hat die Corona-Krise die Digitalisierung vorangetrieben und die Schwachstellen des bisherigen Systems aufgedeckt. Einige geschäftliche Treffen können weiterhin per Video- und/oder Telefonkonferenz abgehalten werden, und so kann man Zeit und Umwelt gleichermaßen schonen.

Herr Unger, sehen Sie auch positive Aspekte?
Unger:
Wie ich schon ausgeführt habe, hat die Corona-Krise, gerade bei uns in Deutschland, auch positive Aspekte eröffnet, von denen ich hoffe und wünsche, dass diese auch die aktuelle Pandemie überdauern werden. Zusätzlich zu diesen überwiegend zwischenmenschlichen Attributen hoffe ich aber auch, dass die große Politik auf Bundes- und Landesebene ebenso von geschöpften Erfahrungen dauerhaft profitiert, wie die heimische Wirtschaft. Beispielhaft hierfür möchte ich unser gesamtes Gesundheitssystem nennen, das ein wesentlicher Bestandteil der Daseinsvorsorge ist und sich nicht für gewinnmaximierende Finanzspielchen eignet.
Auch sollte künftig wieder mehr in Deutschland produziert werden, auch wenn dadurch Gewinnmargen kleiner sind als bei Produktionen in Fernost. Aber die Abhängigkeit von z.B. China erweist sich in größter Not nicht unbedingt als Vorteil. Das gilt im Übrigen auch für die Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse und Lebensmittel.
Als letzten Punkt möchte ich noch die reduzierte Mobilität während dieser Corona-Krise erwähnen. Geht doch! Und die Natur dankt es uns. Auch in diesem Bereich erwarte ich nachhaltige Erkenntnisse und Verhaltensmuster, welche diese Krise hoffentlich lange überdauern werden.

Herr Waas, als Gewerkschafter haben Sie das letzte Wort. Was lernen wir aus der Krise?
Waas:
Ich denke, wir haben aus dieser Pandemie gelernt, dass es viele Defizite aber auch positive Aspekte in unserem Land gibt. Schon seit Jahren bemängeln wir Gewerkschafter unser doch teilweise marodes Gesundheitssystem und die schlechte Bildungspolitik unseres Landes. Ich hoffe, es bleibt auch für die Zukunft in unseren Köpfen, wie wichtig z.B. Pflegekräfte in unserem Gesundheitssystem sind. Dies muss sich aber auch endlich einmal in der Entlohnung bemerkbar machen. Ebenfalls sollte es zukünftig möglich sein, dass es in Krisenzeiten nicht mehr unabdingbar sein wird, unser Bildungssystem so weit herunterzufahren. Dies lässt sich durch eine gute Ausstattung im Bereich der digitalen Infrastruktur und auch im Bereich der hygienischen Einrichtungen in unseren Schulen, erreichen. Gerade als wohlhabende Industriestation sollten wir hier mit gutem Beispiel vorangehen.
Auch das Thema Home-Office ist zurzeit sehr interessant. Viele Arbeitnehmer können hiervon auch nach der Pandemie profitieren. Beruf und Familie können sich so wesentlich besser vereinbaren lassen. Ebenfalls gab es nie weniger Pendler, und auch die Natur kann sich sichtbar und messbar erholen. Auch müssen wir jetzt die Erkenntnis nutzen, dass viele Vorerkrankungen durch eine gesündere Lebensweise und frühzeitige Prävention helfen werden, Pandemien einzudämmen. Hier gilt es, die Menschen zu sensibilisieren. Abschließend ist noch zu bemerken, dass unser Umgang mit unserer Welt ernsthaft überdacht und schnellstens in vielen Bereichen umgekehrt werden muss. Klima- und Umweltschutz sind wichtiger denn je. Jetzt haben wir die Chance.

 

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